Kolumne


05.06.2014

Anlegerschutz – vom Schlagwort zur gemeinsamen Zielsetzung






Jürg Stähelin

Geschäftsführer Schweizerischer Verband für Strukturierte Produkte (SVSP)

Ein verbesserter Anlegerschutz wird momentan heisst diskutiert und von allen Seiten begrüsst. Bei der konkreten Umsetzung klaffen die Meinungen jedoch auseinander, da Anlegerschutz viele verschiedene Facetten kennt. Die teilweise angedachten regulatorischen Massnahmen schränken die Handlungsmöglichkeiten des Anlegers viel mehr ein, als dass sie den Schutz langfristig verbessern. Für einen effizienten Anlegerschutz braucht es eine auf Kooperation beruhende gesetzliche Ausgestaltung, die von allen getragen wird. Nur so bleibt der Schweizer Finanzplatz langfristig konkurrenzfähig.

Weltweit sind die Regulatoren daran, neue Richtlinien und Vorgaben für Finanzprodukte einzuführen. In der Schweiz steht insbesondere das Finanzdienstleistungsgesetz (FIDLEG), welches auch die Emission und den Vertrieb von Strukturierten Produkten regeln soll, im Fokus des Gesetzgebers. Seit 2012 arbeitet das Eidgenössische Finanzdepartement zusammen mit anderen Verwaltungsbehörden und der FINMA daran. Ein erster Gesetzesentwurf soll im Sommer 2014 in die Vernehmlassung gehen. Das neue Gesetz wird voraussichtlich nicht vor dem Jahr 2017 in Kraft treten. Es ist jedoch bereits heute absehbar, dass sich die Stossrichtungen stark an den entsprechenden europäischen Vorgaben anlehnen werden und damit die Anlagemöglichkeiten des Schweizer Anlegers weiter einschränken. Dies geht aus einem „Hearingbericht“ zur Gesetzesvorlage vom Februar 2013 klar hervor. Ein abschreckendes Beispiel der Folgen von Überregulierung lässt sich etwa an den Entwicklungen in Südkorea illustrieren. Der ehemals weltweit zweitgrösste Markt für verbriefte Derivate ist infolge tiefgreifender Eingriffe des lokalen Regulators in den letzten zwei Jahren um mehr als 90% kollabiert.

Alle Parteien sind gefordert

Verbesserter und moderner Anlegerschutz soll daher künftig nicht auf einseitige Restriktionen seitens des Regulators hinauslaufen, sondern einen im Diskurs ausgearbeiteten und von allen Seiten getragenen Massnahmenkatalog abbilden. Dieser soll den interessierten Anleger einerseits beim Investitionsentscheid unterstützen und Orientierungshilfe leisten, ihn aber andererseits nicht unnötig einschränken. Zu diesem Zweck sind der SVSP und die Branche bestrebt, die Transparenz und Vergleichbarkeit der Produkte weiter zu fördern. Daher hat die kontinuierliche Wissensvermittlung, um das Vertrauen der Anleger gegenüber Strukturierten Produkten sukzessive zu stärken, für den Branchenverband weiterhin Priorität.  Verschiedene Informationsbroschüren, das Buch „Die Welt der Strukturierten Produkte“, ein Wissenstest für Anfänger und Fortgeschrittene sowie die im vergangenen Jahr erstellten Wissensfilme und Potenzialvorschläge auf der Verbands-Homepage zielen stets darauf ab, das Produktverständnis zu steigern und das Augenmerk auf den richtigen Einsatz der Produkte zu lenken. Darüber hinaus ist der Verband überzeugt, dass eine über Wettbewerb garantierte faire Preisgestaltung und das bei Strukturierten Produkten eindeutige Leistungsversprechen interessierten Privatanlegern ebenfalls Orientierungshilfe leisten und bei der Evaluation des individuell passenden Produktes den Ausschlag geben. 

Anlegerschutz heisst auch Produktvielfalt und intensiver Wettbewerb

Dass das neue Finanzdienstleistungsgesetz weitreichende organisatorische Anpassungen erforderlich machen wird, ist bereits absehbar. So sollen den Finanzdienstleistern etwa eine ganze Reihe neuer, detaillierter Informations- und Dokumentationspflichten auferlegt werden. Dadurch besteht die Gefahr, dass der Privatanleger derart mit standardisierten Informationsdokumenten überflutet wird, dass er gänzlich von Finanzanlagen absieht. Denn welcher Anleger will seine Zeit mit Lesen und Bestätigen von Informationen und Dokumenten verbringen müssen, die lediglich dazu dienen, die Haftungsrisiken der Finanzdienstleister einzuschränken und ihre Beweislast in einem allfälligen Prozess zu erfüllen? Regulatorische Bestimmungen, die in diese Richtung abzielen, schränken letztlich das angebotene Anlageuniversum und die Produktvielfalt zum Nachteil des Anlegers ein. Deshalb sollte Anlegerschutz nicht nur als Schutz vor Verlustrisiken betrachtet werden, sondern auch als Gewährleistung einer möglichst grossen Vielfalt an Anlagemöglichkeiten. Insbesondere in diesem Zusammenhang beweist die innovative Branche mit dem erweiterten Angebot an Online-Tools, dass verbesserter Anlegerschutz auf Produktvielfalt und Wettbewerb basiert. Auf den sogenannten Multi Issuer Plattformen haben Anleger die Möglichkeit, Produkte verschiedener Anbieter sehr einfach miteinander zu vergleichen, was sowohl den Wettbewerb fördert als auch die Preise senkt – zum Vorteil der Anleger. Vor diesem Hintergrund sind in der Schweiz der Gesetzgeber und die Branchenvertreter gleichermassen gefordert, um mit einer zeitgemässen Regulierung das anvisierte Ziel, den adäquaten Schutz des mündigen Anlegers, langfristig sicherzustellen.


Jürg Stähelin

Geschäftsführer Schweizerischer Verband für Strukturierte Produkte (SVSP)