Kolumne


19.06.2014

Von guten und schlechten Regeln





Christian Reuss

Geschäftsführer, SIX Structured Products Exchange AG

Dieser Tage dominiert wieder einmal, was für viele die schönste Nebensache der Welt ist: Fussball. Dieser hat gute Regeln, wie z.B. die Offside-Regel, die man sehr gut am Tisch mit Pfeffermühle, Salzstreuer und einigen Gläsern erklären kann, und schlechte Regeln, wie etwa das Verbot des Videobeweises bei strittigen Entscheidungen, wenn sich ein Schiedsrichter ganz offensichtlich in einer spielentscheidenden Situation einmal geirrt hat.

Der Finanzmarkt funktioniert ebenso nach Regeln, die jedoch mit dem Wachstum und der zunehmenden Bedeutung des Sektors zugegebenermassen etwas komplizierter geworden sind als das mittlerweile immerhin auch 144 Seiten starke Spielregelwerk der FIFA. So sind Gesetze und Regularien zusätzlich je nach Branche und Anwendbarkeit regelmässig mit umfangreichen Sonderregeln, sprich Auflagen, verbunden. 

Auch in der Globalisierung seiner Regulierung tut sich die Finanzbranche schwerer – es gibt nicht die eine FIFA sondern eine Vielzahl relevanter Regelgeber. Und genau dieses Wechselspiel nationaler und supranationaler Regulierung ist für die Schweiz eine der grössten Herausforderungen – schliesslich möchten wir auch weiterhin international, zumindest europäisch, mitspielen.

Für SIX als systemrelevanter Betreiber der gesamten schweizerischen Finanzmarktinfrastruktur besteht dieses Wechselspiel aus dem in der Schweiz umzusetzenden Finanzmarkt-Infrastrukturgesetzes (kurz: FinfraG) und der sich nun im EU-Kontext auf der Umsetzungsebene befindlichen „Markets in Financial Instruments Directive II“ (kurz: MiFID, der zweite Versuch).

Höheren lokalen Standards, oder in Schweizer Mundart einem „Swiss Finish“, stehen internationale Wettbewerbsfähigkeit und Marktzugang in die EU gegenüber. Die Nati sollte auch nicht bei einsetzendem Regen gemäss Vorschrift während des Spiels die Schuhe wechseln müssen, auch wenn dies die Standfestigkeit erhöht. Ein Gegner ohne diese Vorschrift würde die kurzfristige Absenz der gegnerischen Spieler nur zum Torerfolg nutzen. Gewisses unternehmerisches Risiko  und Eigenverantwortung müssen bei einem gesunden Wettbewerb einfach erhalten bleiben.

Seit MiFID, dem ersten Versuch, ist dieser gesunde Wettbewerb allerdings zwischen den Handelsplätzen leider nur bedingt gegeben. Zwar sind der Wegfall des (Börsen-)Monopols und die Liberalisierung des Wertpapierhandels zu begrüssen, allerdings ist der resultierende Wettbewerb zwischen den Handelsplattformen, vergleichen wir diese mal mit Fussballstadien, derzeit nicht ausgewogen. So haben regulierte Stadien einiges an Vorschriften zu beachten, z.B. was die Sicherheit der Zuschauer, die Katakomben für die Spieler oder auch die Bestellung des Schiedsrichters angeht. Dies führt neben höherer Sicherheit allerdings auch zu zusätzlichen Auflagen und Kosten, so dass das Ausrichten einer Partie in Form einer Stadionmiete für die Vereine (Marktteilnehmer) aufwendiger ist oder auch die Eintrittspreise für die Endkunden (Anleger) teurer sind. Vereine haben somit einen (finanziellen) Anreiz, auf alternative (Handels-)Plätze auszuweichen, die eben weniger Auflagen haben. Dies geht sogar so weit, dass manche Spiele quasi im Vereinsheim und ohne offiziellen Schiedsrichter stattfinden – also in bankinternen Crossing Networks. Da es für solche Spiele keine Meldepflicht für die Ergebnisse, die verteilten gelben Karten und darüber, wer überhaupt gegen wen gespielt hat, gibt, tappt der Rest der Liga bzw. des Marktes quasi im Dunkeln. Verfügbare Tabellen und Teamstatistiken haben entsprechend nur begrenzte Aussagekraft.

Im Fussball wurden nach einigen tragischen Unfällen über die Jahre verpflichtende Sicherheitsstandards für alle Stadien erlassen und selbst in der Jugendliga müssen Ergebnisse taggleich gemeldet werden. Dies muss auch das Ziel der neuen Regulierung sein. Damit würde zudem beim Wertschriftenhandel wieder ein „level playing field“ geschaffen, auf dem unterschiedliche regulierte Handelsplattformen mit gleichlangen Spiessen über die volle Spielzeit einen fairen Wettbewerb austragen können –  und dies zum Wohle des gesamten Finanzmarktes.

Dabei sollte es weniger relevant sein, wie stark dabei die Finanzkrise, die Euro-Schuldenkrise und diverse Skandale auf das Gaspedal der Regulierung drücken und einen vorzeitigen Abpfiff der Diskussionen nahelegen.

Entscheidend ist vielmehr, dass klare Mindeststandards an Transparenz, Sicherheit und Fairness der Finanzmärkte für verschiedene Handelsplattformen geschaffen werden. Insbesondere für die Schweiz ist dabei zusätzlich eine fein-adjustierte Abstimmung mit den definitiven Regelungen in der EU matchentscheidend – lieber mit einem Tor in der Nachspielzeit Weltmeister werden als sich voreilig ins Abseits zu stellen.

 

Christian Reuss

Geschäftsführer, SIX Structured Products Exchange AG