Kolumne


29.12.2014

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben


„Retailbanken glauben nicht an Digitalisierung“ hiess es jüngst in der Finanz und Wirtschaft. Der Titel bezog sich auf eine Schweizer Studie zur Kundenkommunikation sowie das Kundenvertrauen in Mobile Payment. Die Bankhäuser würden jedoch gleichwohl in neue Technologien investieren, konnte man weiter lesen.  Das kann nur bedeuten, dass sie es eher lustlos und kaum zielgerichtet strategisch tun. 

Man reibt sich die Augen und erinnert sich: Wurde die Diskussion in den Medienhäusern in den Anfängen des Internets nicht ähnlich geführt wie heute in den Banken? Ja, ja, das Netz sei schon wichtig, da machen wir selbstverständlich mit, aber Zeitungen und Magazine bleiben Königsdisziplinen.  Keine 20 Jahre später sind manche Verlagshäuser verschwunden. Von den verbliebenen ächzen die meisten. Nur wenige haben sich erfolgreich neu erfunden und peilen mit neuen Businessmodellen die Zukunft an.

Bei den Geldhäusern wird es leider nicht anders sein, falls sie sich tatsächlich so verhalten, wie sie es in der Studie zum Ausdruck bringen. Der einzige Unterschied: Es wird keine zehn Jahre dauern, bis sich die Spreu vom Weizen trennt und die zu lange in der alten Welt verharrenden Banken auseinander brechen werden – oder besser implodieren werden. Denn die Digitalisierung wirkt nicht mit Sprengkraft sondern viel mehr wie eine Neutronenbombe. Ein Glied um das andere der traditionellen Wertschöpfungskette wird unter Beschuss geraten und verschwinden, weil andere das Geschäft günstiger und sogar besser machen werden – angefangen vom Zahlungsverkehr über das Kommerz- und Wertschriftengeschäft bis hin zur  Vermögensverwaltung.

Ganz ähnlich wie bei den Medien schafft die digitale Revolution neue Wettbewerber, die unbelastet von aktuellen Bankenproblemen wie Vertrauensverlust und Kostenfolgen durch gesetzgeberische Auflagen verstärkt angreifen werden.  Die Googles, Facebooks, PayPals und Telcos dieser Welt, um den Angreifern einen Namen zu geben, verstehen es auch ganz anders, mit den Datenmengen aus den Kundenkontakten umzugehen. Für den, der  Big Data beherrscht, ergeben sich schon fast automatisch neue Geschäftsmöglichkeiten, die ihn befähigen, in neue Territorien, wie diejenigen der Banken eben, einzubrechen.

Doch der gleiche Effekt kann von wendigen Start-ups ausgehen, welche die Internetgeneration auf Augenhöhe bedienen können. Wie sagte jüngst ein Tech-Unternehmer im SonntagsBlick: „Banken sind im Wesentlichen nur grosse Computer mit angehängten Vertrieben.“ Respektlos frech, aber wahr. Damit ist schon alles gesagt, in welche Richtung es mit den Margen und Löhnen der Branche gehen wird: Beschleunigt nach unten!

Auch die NZZ schreibt von den „Jungen Wilden“, die kommen werden und rapportiert gleichzeitig, wie gelassen die etablierten Anbieter auf die Quereinsteiger reagieren. Diese klammern sich an das „human element“, auf das die Kunden nicht verzichten möchten. Das dürfte stimmen, doch nicht zu jedem Preis, den die Banken für diesen Service verlangen müssen.

Auch hier zeigt ein Blick auf die Medienwelt, wo die Grenzen liegen dürften. Für die Spezies der Papierfreaks kostet ein Jahresabo der NZZ inzwischen 675 Franken und der Financial Times 1'428 Franken – frei Briefkasten. Wer diese Beträge heute noch zu zahlen bereit ist, ist in der Regel älter und kann es sich leisten. Ein Auslaufmodell also.

Was heisst das für die Banken? Sie können sich dem nur entziehen,  wenn sie sich weitestgehend digitalisieren – die Gründe liegen ebenso in den Kosten wie im Nutzerverhalten der Kunden. Schön, wenn es dann gleichwohl noch reicht, ein „human element“ im klassischen Sinn anbieten zu können wie beispielsweise echte Filialen.

Doch ein solches Premium fällt einem nicht in den Schoss. Es braucht eine klare Strategie und eine konsequente Umsetzung. Sonst ladet man auf dem Friedhof – wie bereits manche Zeitungen in unserem Land.


Per Former