Kolumne


20.05.2014

Vertriebsentschädigungen – Transparenz ist Trumpf





Markus Fuchs

Geschäftsführer Swiss Funds & Asset Management Association SFAMA, Basel

Vertriebsentschädigungen, auch Retrozessionen genannt, werden wieder heiss diskutiert. Zuerst nach dem Bundesgerichtsentscheid „Offenlegungspflichten von Retrozessionen bei Vermögensverwaltungsmandaten“ und nun nach der ersten Strafanzeige. Im Hinblick auf die weitergehende Regelung von Vertriebsentschädigungen im Finanzdienstleistungsgesetz (FIDLEG) dürfte dies noch zusätzlich an Dynamik gewinnen. Denn FIDLEG hat zum Ziel, den EU-Marktzutritt durch Äquivalenz der Schweizer Regulierung mit MiFID II zu erleichtern. Dabei ist u.a. die Unterscheidung zwischen unabhängiger und gebundener Finanzberatung zentral. Nachfolgende Ausführungen sollen zu einer sachlichen Diskussion des wichtigen Themas beitragen.

Weit verbreitet

Vertriebsentschädigungen begegnen uns in vielen Bereichen: bei Versicherungen, Reisebüros, Immobilienagenten, Generalunternehmern im Baugewerbe, Detailhändlern und auch im Fondsgeschäft. Hier sind Vertriebsentschädigungen in die Verwaltungsgebühr eines Fonds „eingebaute“ Provisionen. Sie erlauben es Fondsanbietern, auf einen eigenen Vertrieb zu verzichten und für ihre Produkte einen Platz „in der Vitrine“ von Banken und anderen Vertriebsträgern zu erhalten. Das in der Schweiz früher übliche Geschäftsmodell, wonach die Banken nur ihre hauseigenen Fonds anboten, konnte nur dank Einführung der Vertriebsentschädigungen durch die offene Fondsarchitektur abgelöst werden, die ein reichhaltiges Menü mit Produkten diverser Anbieter offeriert.

In jüngster Vergangenheit stehen Retrozessionen bzw. Vertriebsentschädigungen in den Schlagzeilen, würden sie doch Kundenberater dazu verleiten, nur diejenigen Produkte mit den höchsten Provisionen zu verkaufen. Dieser Interessenkonflikt – auch wenn in vielen Fällen durch diverse Massnahmen abgefedert – ist systeminhärent und besteht im Grundsatz bei hauseigenen sowie Dritt-Produkten.

Transparenz als oberstes Gebot

Kunden bei Vermögensanlagen wissen aktuell nicht, mit wem welche Zahlungen vereinbart wurden. Auch wenn dies für andere Branchen und Produkte ebenfalls gilt, ist die Gegenleistung für die Vertriebsentschädigungen in der Vermögensverwaltung in vielen Fällen zu wenig klar. Damit Verbote – die politisch durchaus weit oben auf der Agenda stehen – nicht zur Anwendung kommen, ist es deshalb entscheidend, dass diese Entschädigungen offengelegt werden. Es gilt nachvollziehbare Transparenzvorschriften für die Erhebung von Vertriebs- und sonstigen Entschädigungen zu erlassen. Nur so kann gewährleistet werden, dass eine Beratungstätigkeit auf die Interessen der Anle­ger ausgerichtet ist und diese die Abhängigkeiten sowie Interessenkonflikte beurteilen und anschliessend die entsprechenden Konsequenzen ziehen können.

Die Swiss Funds & Asset Management Association SFAMA setzt sich für die folgenden vier Prinzipien ein, die für alle Finanzprodukte gelten sollen:

  1. Transparenz ist die wichtigste Grundvoraussetzung für alle Dienstleistungen und Produkte.
  2. Jede Beratungstätigkeit – unabhängig oder gebunden –  soll auf die Anlegerinteressen ausgerichtet sein.
  3. Die Wahlfreiheit soll bei den Entschädigungsmodalitäten möglich sein.
  4. Innovation und Produktqualität werden durch Wettbewerb bei den Beratungs- und Vergütungsmodellen sichergestellt.

Wettbewerb und Wahl- bzw. Vertragsfreiheit bei den Entschädigungsmodalitäten sind wichtig. Verbote hingegen führen zu einer unerwünschten Konzentration des Angebots und damit zu Monopolrenten, die nicht im Interesse der Anleger sind. Deshalb sollen Finanzintermediäre auch weiterhin die Möglichkeit haben, Vertriebsentschädigungen zu erheben und zu behalten, jedoch nur wenn klar definierte Bedingungen erfüllt sind. Dazu gehören eine transparente Vereinbarung der Dienstleistungen für die Vergütung des Finanzintermediärs, die Offenlegung der Berechnungsmethode und der Höhe der Vertriebsentschädigungen sowie eine Beschreibung eventueller Interessenkonflikte.

Aktuelle Entwicklungen

Die Herstellung einer vollständigen Transparenz ist arbeits- und kostenintensiv. Sie führt zu hohem Erklärungsbedarf und kann trotz allem einen leichten Nachgeschmack bei den Anlegern nicht vollständig beseitigen. Zudem kann der Fokus auf die Kosten dazu führen, dass Kundenberater weitere wichtige Aspekte wie Anlageziele oder Risikofähigkeit nicht mehr genügend gewichten. Ein aktueller Trend ist deshalb, retrofreie Anteilsklassen einzusetzen. Dies geht aber nur, wenn die damit verbundenen Kosten für Auswahl, Prüfung und kontinuierliche Überwachung der Produkte mindestens teilweise durch eine Erhöhung der Depotbankgebühren oder anderweitig kompensiert werden können. Der zunehmende Einsatz von retrofreien Produkten ist ein gutes Beispiel dafür, dass Transparenz und Wettbewerb die besten Innovationstreiber sind. Neue Geschäftsmodelle führen zu gewünschten Wahlmöglichkeiten für Anleger.

Die Diskussionen werden in den nächsten Monaten weitergehen. Wir tun gut daran, diese möglichst sachlich zu führen.

Markus Fuchs

Geschäftsführer Swiss Funds & Asset Management Association SFAMA, Basel