Kolumne


03.07.2014

N’Oubliez Jamais





Prof. Dr. Erwin W. Heri

Universität Basel und Swiss Finance Institute

Diese Zeilen dröhnt Joe Cocker seit  Jahrzehnten in den Äther. Er erinnert uns daran, dass es sich lohnt, ab und zu in den Rückblickspiegel zu schauen. Und oft wenn ich Cocker’s Aufruf höre denke ich an einen anderen Protagonisten, der vor allem uns Finanzmarktleuten die Historie beliebt zu machen versucht hat: André Kostolany. Als junger „Finänzler“ hatte ich Gelegenheit, mit Kostolany auf einem Podium zu sitzen, um über die Marktsituation zu philosophieren. Viel interessanter als das Podium war aber das anschliessende Bier mit dem Grandsegnieur der damaligen Börsenszenerie. „Wissen Sie, mein junger Freund (– A.K. war uns ja immer in mancher Hinsicht um Generationen voraus -),  eigentlich sollte ja dieses Geschwätz über das Heute,  Morgen und Übermorgen der Börse niemanden interessieren. Schauen Sie zurück und Sie werden erkennen, dass wir allesamt immer wieder die gleichen Fehler machen und in die gleichen Fallen treten. Studieren Sie diese und extrapolieren Sie sie in die Zukunft. Dann wissen Sie, was Sie zu tun haben“, sprachs und ging zum nächsten Seminar an welchem die Zuhörer nur über das Heute, Gestern und Morgen reden wollten.

Und das Umfeld? Quartalsabschlüsse, tägliche Börsenzeitungen, die Indexstände der weltweiten Börsen täglich auf der ersten Seite – direkt neben dem Jackpot der Euro-Millions, etwa jede Woche ein Gratis- (natürlich nur beim ersten Mal) Börsenbrief im Briefkasten. Börse hier, Börse dort. Mal himmelhoch jauchzend, mal tief betrübt. In immer kürzeren Abständen. Rückspiegel und Anlagehorizonte sind für die Ewiggestrigen.

Zum Glück kümmert sich die wirkliche Wertentwicklung der Unternehmen, das Produktivkapital der Volkswirtschaft, wenig um diesen Jahrmarkt der Gefühle. Das unternehmerische Umfeld ist zwar nicht ganz unberührt vom kurzfristigen Getöse – die Unternehmer müssen der Kurzfristorientierung der Börsenwelt einiges an Tribut zollen: Kurzfristige Abschlüsse, ad hoc Informationen, etc. etc., aber wir sind noch nicht so weit, dass die unternehmerische Dynamik deswegen vollends überfahren worden wäre.

Und entsprechend hat sich denn auch die Langfristtendenz (wir reden von Jahren und Jahrzehnten) der Aktienbörse gegenüber früher nicht dramatisch verändert, denn diese repräsentiert nichts anderes als die langfristige Wertentwicklung der Unternehmen - auch wenn es gerade heute wieder einmal vielen Leuten unerklärlich erscheint, warum  bei all dem Krisengeschwätz die Börsen seit Monaten in die Höhe streben. Die alljährlich erscheinende Langfristanalyse Elroy Dimsons von der London Business School bestätigt es jedes Jahr: Langfristig schlagen Aktien die anderen Anlagekategorien, und im Durchschnitt rentieren sie um die 5-8% p.a.  

Und die Zukunft? Wenn wir akzeptieren, dass der langfristige Trend an den Aktienmärkten von der Innovationskraft des Produktivkapitals einer Volkswirtschaft getrieben ist, dann ist nicht einzusehen, warum dieser langfristige Trend brechen oder sich umdrehen sollte. Produktivität und Innovation sind eine der Triebfedern menschlichen Handelns schlechthin. Und wenn uns diese nicht abhanden kommen, dann werden wir Unternehmen gründen und Gewinne erwirtschaften, die langfristig die Bewertungen des Produktivkapitals weiter ansteigen lassen. Das war so und das wird wohl auch so bleiben. Langfristig.

Und wer nicht langfristig denken mag? Der sollte zumindest wissen, dass er mit Aktien gewaltige Kurzfristrisiken fährt. Wenn er das weiss: in Ordnung. Es gibt nichts Schlimmeres als zu spekulieren, ohne es zu wissen.

 

Prof. Dr. Erwin W. Heri

Universität Basel und Swiss Finance Institute