Kolumne


23.05.2016

Mehrwert in müden Märkten



Hanspeter Frey

Redaktor, Finanz und Wirtschaft

Was tun als Anleger? An den Finanzmärkten fehlt die Orientierung. Nur dank des Überangebots an billigem Geld halten sie sich einigermassen aufrecht. Aber das Fundament ist brüchig: Die Weltwirtschaft bewegt sich zwischen Rezession und Boom im Niemandsland, die Notenbanken strapazieren ihre ultraexpansive Geldpolitik bis zum Äussersten. Je länger die erhofften konjunkturellen und inflationären Impulse ausbleiben, umso mehr leidet ihre Glaubwürdigkeit. Regierungen haben ihr Vertrauen schon länger verspielt, wetten auf Zeit, verharren im Nichtstun-Modus und verstricken sich in kleinliches bis populistisches Geplänkel. Die Schuldenberge wachsen weiter, während die privaten Vermögen schrumpfen. Der Zinseszins ist abgeschafft, grossen Geldnoten geht’s an den Kragen, und denkt man die Entwicklung weiter, ist eine Steuer bei Bargeldbezug nicht unvorstellbar.

Sich in diesem wackligen bis diffusen Umfeld dem Gesamtmarkt anzuvertrauen, der zwischen Himmel und Hölle schwankt und Letzterer  wohl auch in absehbarer Zukunft näher steht, ist trügerisch. Ein weiterhin hohes, ja womöglich noch zunehmendes Schwankungsrisiko an den Märkten ist programmiert.

Den Ertrag von Aktien erzielen, ohne der Volatilität der langfristig besten Anlageklasse zu unterliegen. Das ist es, was Anleger wollen –  unter den genannten Voraussetzungen schwierig, aber nicht unmöglich. Auch und nicht zuletzt in turbulenten Zeiten  bieten sich Chancen.

Sie wahrzunehmen, stellt den Investor allerdings auf die Probe: Ist er  prinzipientreu und flexibel zugleich? Treu der Strategie und flexibel in der Umsetzung? Die Strategie ist das Resultat der finanziellen Verpflichtungen und Möglichkeiten jedes Einzelnen. Wer von der Strategie abweicht, verändert auch das Ziel, und das fast immer zum Nachteil. Wer die Richtung wechselt, arbeitet in die Tasche von Brokern und Banken.

Der Mensch denkt, der Markt lenkt, heisst ein geflügeltes Wort. Denken heisst, die Strategie effektvoll, sprich flexibel umzusetzen. Richtschnur für den Portfoliomix ist nicht die Rendite, sondern das Risiko. Zum Beispiel nicht auf sichere Staatsanleihen setzen, selbst wenn die Realrendite noch immer positiv sein mag, sondern auf höherverzinsliche Unternehmensanleihen knapp unter Investment Grade. Das Ausfallrisiko ist gering und das Kursrisiko bei einem Zinsanstieg ungleich kleiner als bei einer kaum noch (oder negativ) rentierenden Regierungsanleihe.

Kursverluste minimieren statt Kurschancen maximieren, heisst das Credo, dem institutionelle Investoren schon länger und systematisch folgen. Ansätze gibt es viele: Value, Minimum-Varianz, Smart Beta, Multi Asset Solutions. Die Begriffe für aktives, systematisches und teils alternatives Investieren schiessen wie Pilze aus dem Boden. Das stört und verwirrt. Denkt man das Marketing weg und überprüft die Performance nach Kosten genau, kommen durchaus Anlagestile zum Vorschein, die ihr Versprechen halten: Mehrwert in unruhigen Zeiten mit Gewichtung nach Risiko und nicht nach Kapitalisierung, wie es die grosse Mehrheit nicht nur der passiven Produkte tut, sondern auch viele vermeintlich aktive, die trotz höherer Kosten aber kaum vom Index abweichen.

 

Hanspeter Frey

Redaktor, Finanz und Wirtschaft