Kolumne


02.02.2016

Warum wir hohe Zinsen haben



Prof. Dr. Erwin W. Heri

Professor für Finanztheorie an der Universitätbasel und am Swiss Finance Institute, Chairman fintool AG

Natürlich ist es nicht an mir vorbei gegangen, dass wir in einem Umfeld mit historischen Tiefstzinsen leben und vielerorts Negativzinsen verlangt und bezahlt werden. Auch ich habe mitbekommen, dass Pensionskassen so weit gehen, dass sie Rentenkürzungen durchsetzen in der Annahme, sie  würden mit ihren (vor allem festverzinslichen) Anlagen nie mehr die verrechnungstechnischen Zinsen erwirtschaften können, die sie bei der Diskontierung ihrer Verpflichtungen anwenden. Und jetzt rede ich von hohen Zinsen?

Ein anderes Thema: haben Sie auch schon bemerkt, dass die Lebenshaltung in den letzten Jahren immer günstiger geworden ist? Ich weiß: die Krankenkassenprämien; aber Kleider, Lebensmittel (auch ohne, dass man sie im nahen Ausland einkauft), Benzin, Computer, Telefonie, Reisen und und und – kurz: der Index der Konsumentenpreise ist im Sinken begriffen.

Viele Ökonomen schreien jetzt gleich „Deflation“ und assoziieren damit eine Depression. Ich seh das völlig anders. Für mich sind das einfach nur sinkende Preise, die vor allem mit Effizienzsteigerungen in Produktion und Vertrieb, Konkurrenz, Globalisierung, gestiegener Transparenz und ähnlichem zu tun haben und nicht mit einem Zusammenbruch der Güternachfrage, welche Preisreduktionen implizieren würde. Negative Inflation ist eben nicht das gleiche wie Deflation – dazu aber mehr in einer anderen Kolumne.

Und was hat das mit den Zinsen zu tun? Inflationsraten und Zinsen verhalten sich ein wenig wie Siamesische Zwinglinge. Wenn Inflationsraten ansteigen, steigen mit ihr in aller Regel auch die Zinsen und vice versa. Warum? Weil Anleger bei der Geldanlage nicht an einem Zinsbetrag interessiert sind – also am Nominalzins -, sondern an dem, was sie letztlich mit dem Zinsbetrag kaufen können, also am Realzins. Entsprechend wird die Anlegergemeinde bei steigenden Inflationsraten (oder auch schon bei steigenden Inflationserwartungen) am Markt höhere Zinssätze verlangen und auch durchsetzen, um die realen Erträge konstant zu halten. Wenn man sich die weltweiten Zins- und Inflationserfahrung ansieht, funktionieren diese Zusammenhänge recht gut.

Und die heutige Situation? Bei einer Nominalverzinsung um die Null Prozent und einer negativen Inflationsrate von einem Prozent resultiert ein Realzins von einem Prozent. In der Tat liegen die realen Sparzinsen in der Schweiz seit längerer Zeit markant über ihrem historischen Durchschnitt. Wir haben hohe (Real)Zinsen. Und wenn ich mir einen kleinen Abstecher in die Rentendiskussion erlaube, dann bedeutet eine Rentenkürzung von einem halben Prozent im heutigen Umfeld ein reale Rentenerhöhung von einem halben Prozent. Ein heißes Eisen, das hier nicht geschmiedet werden kann. Das Thema wäre es aber wert, breiter diskutiert zu werden.

Prof. Dr. Erwin W. Heri
Professor für Finanztheorie an der Universitätbasel und am Swiss Finance Institute, Chairman fintool AG